nur die zarten können warten

Installation „Nur die Zarten sind fähig zu warten!“
(Kooperation mit Bertram Schrecklich)


Bestandteile:
- 1x Sitzbank
- 1x Schaufensterpuppe + Bekleidung
- 1x Fahrkarte
- 1x Fahrplan
- 1x Wanduhr
- 1x Erklärender Text


Ausstellungsort:
„Kiosk“ der ehemaligen Talstation der Hungerburgbahn

 

„Warten“ kann auf unterschiedlichste Art und Weise wahrgenommen werden. Ob warten als vergeudete Zeit, Geduldsprobe, Provokation, oder als geschenkte Zeit, oder willkommene Pause wahrgenommen wird, hängt von der persönlichen Konstitution des/der Wartenden und dem Kontext, in dem es zur Wartezeit kommt, ab. So überwiegt bspw. bei Kindern, die das nächste Weihnachts- oder Geburtstagsfest herbeisehnen, meist die Vorfreude, wohingegen Geschäftsreisende, die am Weg zum Flughafen in einen unerwarteten Verkehrsstau geraten und deshalb bangen, ob sie den Check-In für ihren Flug noch rechtzeitig schaffen, Stress pur erfahren. In manchen Fällen überwiegt am Anfang der Wartezeit die Vorfreude, die infolge von Verzögerungen und damit verbundenen Verschiebungen, allzu bald in Ungeduld, Nervosität, Aggression und/oder Resignation umschlagen können. Insbesondere wenn es zu mehrfachen Verschiebungen kommt, fühlen sich Betroffene rasch hoffnungslos und fürchten schwerwiegendere Komplikationen, als zunächst angenommen. Diese Reaktion ist auch durchaus nachvollziehbar, schließlich wurde das Vertrauen der Betroffenen in solchen Fällen immer wieder enttäuscht und somit auch verspielt.
Haben die Betroffenen allerdings bereits zu viel an emotionalen, zeitlichen und/oder finanziellen Mitteln in ein Vorhaben investiert, kann aber auch beobachtet werden, dass diese jegliche Warnhinweise, wie bspw. das Aufschieben von verbindlichen Terminen, oder erhebliche Mehrkosten, schlichtweg ignorieren. Dann gilt das Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Entgegen dem gängigen Sprichwort, versetzt der Glaube allein jedoch keine Berge, bzw. ermöglicht was nicht (mehr) möglich ist.

Abhängig vom Kontext und der Verbindlichkeit von voraussichtlichen Wartezeiten, kann Warten also erhebliche Folgen für die Wartenden nach sich ziehen, wobei nochmals betont werden soll, dass damit nicht unvermeidliche und/oder transparent kommunizierte Wartezeiten gemeint sind.

Um die beschriebenen Effekte des Wartens unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, haben wir uns dazu entschieden den Kiosk in einen typischen Warteraum von öffentlichen Verkehrsunternehmen zu verwandeln, in dem ein komplett verzweifelter, vom Warten gezeichneter Fahrgast (lange zerzauste Haare, Fingernägel, Kleidung, die der Mode der entsprechenden Epoche entspricht) mit gültigem Ticket in der Hand vergeblich auf die nächste Bergfahrt der alten Hungerburgbahn wartet.

Mit der Installation möchten wir auf die Ambivalenz des Themas aufmerksam machen. Die Rezipient*innen sind dazu aufgerufen sich über die Verantwortung aller Beteiligter – dem Versprechensgeber (in unserer Installation die Bahnbetreiber), den Versprechensempfänger (Fahrgast) und deren Umfeld (die Rezipient*innen) – Gedanken zu machen. Ab wann sind Auftragnehmer (Dienstleistungs-, Produktionsunternehmen, politische Vertreter*innen, aber auch Freunde und Familie) verpflichtet wartende Dienstgeber, oder anderweitig vom jeweiligen Dienst abhängige Person von Verspätungen, oder der nicht Einhaltung eines Auftrages bzw. einer Vereinbarung, in Kenntnis zu setzen, oder wie oft dürfen Verspätungen nach hinten korrigiert werden? Wann sollte der Dienstnehmer eigenverantwortlich seine Hoffnungen aufgeben, um nach Alternativen zu suchen, anstatt zusätzlich kostbare Zeit und je nachdem finanzielle Mittel einzubüßen?

In Zeiten in denen Tugenden wie Verbindlichkeit, Verpflichtung, Verantwortung oder Verlass mehr und mehr durch Attribute wie bspw. Flexibilität und Unabhängigkeit ersetzt werden,  ist es unserer Meinung nach bestimmt nicht falsch genauer hinzusehen. Dabei sollte insbesondere festgestellt werden warum es zu dieser Werteverschiebung kommt, wer dafür verantwortlich, wem sie nützlich und wer letztlich betroffen ist.

Eine ganz besondere Verantwortung kommt hinsichtlich der Einhaltung von Versprechen und internationalen Abkommen der Politik und in weiterer Folge auch der Wirtschaft zu. Gerade was die Bereiche Klimaschutz und des CO2 Ausstoß betrifft, ist indiskutabel, dass per se verbindliche internationale Abkommen aktuell viel zu „flexibel“ oder „lax“ verstanden und schlichtweg nicht umgesetzt werden. 

Apropos nicht umsetzen: Leider gilt diese Praxis, dass Versprechungen, die umfassende und somit vielleicht gerade noch wirksame klimapolitische Maßnahmen implizieren, nicht gehalten oder „auf später verschoben (!?)“ werden, auch für diverse andere Resorts. Neben dem Sozial-, Gesundheits- und Pflegewesen, die aufgrund „verschobener“, oder versäumter Reformen einen eklatanten Pflegenotstand erfahren, leidet auch die zeitgenössische – insbesondere die freie – Kultur- und Kunstszene unter nicht eingelösten kulturpolitischen Versprechungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Vielversprechende, innovative Kunst- und Kulturprojekte, die auf die Generierung eines gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts abzielen, werden zunächst genehmigt, deren Projektentwickler*innen mit minimalen finanziellen Mitteln bei Laune gehalten, nur um sie letzten Endes durch überbordenden bürokratischen Aufwand und/oder Subventionseinsparungen zur Aufgabe zu zwingen.

 

Juni 2023