Üblicherweise besitzen die Notationssysteme der Musikpartituren keine Werkidentität im Sinne eines Kunstwerks. Sie sind ein Mittel zum Zweck, ein Werkzeug, das es ermöglicht, ein Musikstück überhaupt zu realisieren. Während es völlig unwichtig ist, wie ein Notenblatt aussieht, solange es dekodierbar ist und somit immer dasselbe Musikstück reproduzieren kann, ist ein Gemälde oder eine Skulptur beispielsweise ein einmaliges, direkt erlebbares Phänomen, ein Kunstwerk, ein Original. In meiner neuen Serie habe ich den ästhetisch unbedeutenden, flüchtigen und temporären Charakter eines Notenblattes auf die Ebene eines Kunstwerks erhoben, indem ich es künstlerisch, stilistisch und technisch minutiös gestalte. Die Notenblätter werden zu grafischen Kunstwerken, und durch einen experimentellen Zugang zur Notation, inspiriert von individuell ausgearbeiteten Zeichensystemen zeitgenössischer Komponisten, verlieren sie jegliche Eigenschaften, die sie als Notationssystem auszeichnen. Somit kehre ich die Richtung in der Beziehung zwischen Notenblatt und gespieltem Musikstück um. Die Notenrepräsentation fungiert als Kunstwerk selbst und wird zum Original, während die gespielten Interpretationen eines Stückes der Variabilität, Flexibilität, Willkür, Intuition und Fantasie des Interpreten unterworfen sind. Theoretische Referenzen zu diesem Zyklus sind: Walter Benjamin mit seinen Überlegungen zur technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks, Richard Wollheim mit seinen Ideen vom Kunstwerk als Typus und Token, Nelson Goodmans Unterscheidung zwischen allographischem und autographischem Charakter der Kunst, Konzeptkunst, Appropriation Art, Andy Warhol, Mike Bidlo, Eleni Sturtevant, Luhmanns Systemtheorie sowie Popmusik, elektronische Musik und Neue Musik.
Frühjahr 2024